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Print version: TWR-SA article of 6-9-2010 |
Lieber ERF,
Anfang des Jahres hatte ich schon mal geschrieben. An meiner Schwerhörigkeit hat sich seitdem nichts geändert, mein Freund äußert sich immer noch nicht zu meinen Zukunftsplänen und mit meinen Eltern häufen sich die Streitigkeiten wegen meiner Unordnung. Ich weiß nicht weiter und kann dem auch als Christ nichts Gutes abgewinnen. Alles erscheint mir wie billiger Trost. Bitte helfen Sie mir.
Anika
Hallo, liebe Anika,
ein trauernder Vater schrieb mir, dass Bekannte ihm geraten hatten, für alles zu danken. „Soll ich Gott danken, dass mein Töchterchen unters Auto kam und jetzt tot ist?“ Ich versuchte ihm zu erklären, welche Art Dankbarkeit wahrscheinlich gemeint war, etwa dafür, dass die Eltern das Kind hatten und als Familie beschenkt waren, oder dass das Mädchen tolle Freundinnen hatte und dass sie in der Trauer jetzt viel Hilfe erfahren haben. Anfangs wehrte er ab, aber knapp 5 Wochen später schrieb er: „Der Verlust schmerzt uns sehr, aber die neue Blickrichtung und Dankbarkeit hat uns sehr geholfen, nicht in Selbstmitleid und Anklage zu versinken“.
Das Gute an schlechten Zeiten macht das Schlechte nicht gut! Aber eine veränderte Blickrichtung ist Hilfe und kein billiger Trost. Das Leben eines Trauernden besteht aus mehr als Verlust und Trauer. Ein Arbeitsloser ist mehr als ein Mensch, der seine Arbeit los ist. Ein Kranker sollte nicht nur durch die Brille seiner Krankheit gesehen werden, sonst ziehen wir ihn runter, anstatt ihn zu stützen. Ein verregneter Urlaub kann erholsamer sein als Schön-Wetter-Stress. Jeder Abschied kann ein neuer Anfang sein. Unser Leben hat eben viele Aspekte.
Sie sind schwerhörig. Aber Sie hören etwas. Und Sie lieben Ihre Ersatz-Kommunikation im Chat, wie ich weiß. Lernen Sie für das zu danken, was Ihnen die Hörprobleme erleichtert.
Danken Sie für Ihren Freund, denn Sie haben ihn im Chat kennengelernt. Ist es nicht doch gut, dass er nachdenklich an Ihre gemeinsame Zukunft (es sollten nicht nur Ihre Pläne sein!) herangeht? Danken Sie, dass er nicht oberflächlich ist. Und dass Sie Zeit haben, sich besser kennenzulernen. Eine Entscheidung wird dann reifer sein.
Den Streit mit Ihren Eltern sehen Sie als ärgerliches Zentralereignis. Aber was bietet die Peripherie? Vielleicht die Chance, aus Unordnung auszusteigen? Könnte die Unordnung auch Ihren Freund zögern lassen? Gibt es in Ihrem Leben andere Unordnung, über die sich nachzudenken lohnt und durch deren Beseitigung Sie viel gewinnen könnten?
Das Gute an schlechten Zeiten macht das Schlechte nicht gut. Aber es verändert unseren Blick, unser Denken, Reden und Handeln. Wer auf das Negative fokussiert ist, wird für seine Mitmenschen un(v)erträglich und mit sich selbst unzufrieden oder depressiv. Wer an aktuellen Herausforderungen wachsen will, wird für ähnliche Situationen in der Zukunft lernen. Prioritäten werden neu geordnet, Beziehungen neu bewertet. Das ist sehr gut, trotz schlechter Zeiten! Und sogar aus Schaden kann man klug werden.
In schwierigen Zeiten sind wir emotional aufgewühlt, und Gefühle blockieren Lösungen. Mit „emotionaler Intelligenz“ bezeichnet man darum heute u. a. die Fähigkeit, dem angemessen zu begegnen und so mit dem Schweren besser zurechtzukommen. Mit Gebet und Dank bezeichnen Christen schon immer die Chance, Gott einzubeziehen und sich von ihm zu neuer Blickrichtung helfen zu lassen. Und überhaupt: sich von ihm helfen zu lassen.
Ihr
Harald Petersen
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Harald Petersen – February, 2008 |
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